Making of "Camera Minutera"

Die Sofortbildkamera ganz wie vor 100 Jahren


Set-Up der Camera Minutera, bereit zur Aufnahme.
Set-Up der Camera Minutera, bereit zur Aufnahme.

Von der Idee zur Umsetzung

Beim stöbern im Internet stieß ich schon vor geraumer Zeit auf die Camera Minutera: eine großformatige Sofortbild-Boxkamera, die für den stationären Einsatz auf der Straße konzipiert ist. Die benötigte Dunkelkammer zur Entwicklung der Abzüge ist dabei gleich in das Gehäuse integriert.

 

Das besondere an der Camera Minutera lag darin, dass dem Kunden innerhalb kürzester Zeit (für die damalige Zeit) beliebig viele Abzüge seiner Aufnahme noch vor Ort ausgehändigt werden konnten.

Verwendung fanden derart Kameras bei fliegenden Fotografen Anfang des 20. Jahrhunderts. In Südeuropa wurden sie noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts benutzt, in Pakistan und Afghanistan werden sie teilweise noch heute zur Erstellung von Passbildern eingesetzt.

 

Zunächst beließ ich es bei dem Gedanken einmal eine derartige Kamera beschaffen bzw. bauen zu wollen und speicherte mir einige Referenzen und Informationen dazu ab. In der Zwischenzeit entdeckte und verfolgte ich mit großer Begeisterung verschiedene andere Fotografen, die eigene Camera Minutera-Projekte umsetzten.

 

Vorsorglich wurde schon 2015 ein Rodenstock Trinar 1:4,5 f=13,5cm von 1925 als passende Linse für das Format 10x15 cm mit zugehörigen Compur-Verschluss von 1914 beschafft. Dieser wurde zunächst gereinigt, überholt und wartete anschließend einige Jahre auf seinen eigentlichen Verwendungszweck. Den Vorgang zur Überholung des Verschlusses habe ich bei der Restaurierung der Welta 9x12 schon einmal kurz erläutert. 

 

Im Winter 2018 erreichte mich dann die Information, dass sich im Umkreis meines Heimatortes Zell im Jahr 2019 gleich mehrere historische Begebenheiten jähren: der Saaleradwanderweg besteht seit 25 Jahren, die Fassung der Saalequelle wird 150 Jahre alt und die ganze Region feiert 250 Jahre Alexander von Humboldt – für mich der richtige Anlass, das Projekt der Camera Minutera anzugehen und damit den Festlichkeiten anlässlich dieser Jubiläen einen zusätzlichen historischen Aspekt zu verleihen!

Am Ende wurden die geplanten Veranstaltungen von den Verantwortlichen kurzfristig abgesagt, was der in Fertigstellung befindlichen Camera Minutera jedoch keinen Abbruch tat.

Planung:

Ab und an werden derart Kameras im Internet angeboten, dann allerdings meist im Ausland und zu entsprechend hohen Preisen, womit für mich nur ein Eigenbau mit Original-Bauteilen nach historischen Vorbildern in Frage kam.

 

Im Januar 2019 startete somit die Planungsphase: die schon vorhandenen Referenzen und Informationen wurden gesichtet und daraus, während einiger Stunden Tüftelei, ein Plan für den Bau der Camera Minutera entworfen.

Aus einer groben Skizze wurden detaillierte Pläne

Die Bilder in den Galerien wurden jeweils mit einer kurzen Beschreibung versehen,

diese könnt ihr durch anklicken des Bildes in der Vollansicht sehen.

Vorbereitung:

Als nächstes galt es die Überlegungen umzusetzen, wozu zunächst weitere Teile beschafft werden mussten:

eine Optik mit Verschluss war zum Glück schon vorhanden, die Beschläge konnten nach einiger Recherche im Internet aufgetrieben werden und passende Messing-Schrauben hatte mir dankenswerterweise ein Bekannter überlassen.

 

Die benötigte Mattscheibe wurde kurzer Hand selbst geschliffen, nachdem es dafür in Europa keinen Hersteller mehr gibt. Ursprünglich war diese aus Echtglas geplant, was schließlich zugunsten der Bruchsicherheit bei geplanten künftigen Transporten durch Acrylglas ersetzt wurde.

 

Nachdem sämtliches Material zusammen war, wurde die Konstruktionszeichnung auf das Bauholz übertragen, womit der eigentliche Beschnitt und anschließend der Zusammenbau beginnen konnte.

Umsetzung:

Der Aufwand mit dem ein solches Projekt betrieben wird, kann rapide ausufern. Ich musste mich selbst immer ein wenig einbremsen, schließlich wollte ich kein Möbelstück bauen, sondern einen Gebrauchsgegenstand, weshalb einige Details abgeändert und „passend gemacht“ werden mussten.

So sollte zum Beispiel das Gehäuse mit Furnier versehen werden, was jedoch Aufgrund des Aufwandes verworfen wurde, oder einige Messingbeschläge (in diesen Fall die Überwürfe für den Verschluss des Deckels) mussten aus Kostengründen anders als Geplant ausgeführt werden.

Farbgebung:

Ich hatte eine klare Vorstellung davon wie meine fertige Camera Minutera aussehen sollte, daher ging es nach der Konstruktion des Gehäuses an die Oberflächenbearbeitung.

 

Dazu wurden zunächst die schon verbauten Beschläge sauber abgeklebt und die Sperrholzbretter angeschliffen, worauf das Einlassen mit Dekorwachs und ein erster Durchgang mit Hartwachsöl folgte. Anschließend folgten noch einige weitere Schichten Hartwachsöl, jeweils mit vorherigen Zwischenschliff.

Die Anbauteile wie der Ausleger, die Schubkästen und der Aufsetzrahmen rund um den seitlichen Eingriff wurden jeweils identisch behandelt.

Dieser Vorgang war wohl mit der zeitlich aufwändigste und zog sich Aufgrund der Trocknungszeiten zwischen den Schichten über rund eine Woche - am Ende konnte ich mit der Oberfläche zufrieden sein!

Bau des Holzstatives:

Als nächstes ging es an die Konstruktion und Gestaltung eines passenden Statives. Dieses durfte selbstverständlich kein modernes Carbonstativ werden, sondern sollte stilecht aus Holz gefertigt sein. Leider werden selbst altgediente Holzstative noch zu sehr hohen Preisen gehandelt, so dass auch hier wieder nur ein Eigenbau in Frage kam. 

 

Das benötigte Material (Hartholz, Schrauben und Muttern) wurde beschafft und die Bauteile entsprechend vorbereitet. Die Oberflächen wurden zum Schutz vor äußeren Einflüssen geschliffen, anschließend wieder mit Dekorwachs, sowie einigen Schichten Hartwachsöl behandelt und die Stativfüße für einen besseren Halt im Gelände mit Spikes versehen, welche beim Einsatz im Innenraum herausgeschraubt werden können.

 

Nach den Trocknungszeiten erfolgte der Zusammenbau des Statives und die Montage der zugehörigen Halterung am Boden der Kamera.

Fertigstellung:

Nachdem Konstruktion und Oberflächenbearbeitung abgeschlossen waren, wurden zum Abschluss die noch fehlenden Beschläge angebracht, der Verschluss montiert sowie der seitliche Eingriff mit einem Schlauch aus lichtundurchlässigen Stoff versehen. Als zusätzliche Lichtdichtung für den Deckel und den Einschub der Fokus-Stange kam Samtband zum Einsatz.

 

Die ersten praktischen Versuche zeigten einige Details welche nachgebessert werden mussten:

  • der doppelte Boden war mit einer Hakenöse zum herausheben versehen - diese wurde entfernt, damit die Arbeitsfläche in der Kamera effizienter genutzt werden kann. 
  • der Ausleger zum duplizieren der Negative musste angepassten werden, um den Bildausschnitt enger zu begrenzen.
  • die Lichtdichtung des Deckels wurde durch einen mit Samtband versehenen Innenrahmen verbessert.
  • die Konstruktion um die Mattscheibe wurde optimiert, damit das blinde Einlegen des Fotopapiers wiederholgenauer von statten geht.

 

Auch hier gilt: hinterher ist man immer schlauer!

 

Vor einem alten Scheunentor ist die Camera Minutera des Fotografen Christopher Rau auf einem Holzstativ aufgebaut. Zusätzlich dazu ist ein Stuhl mit einem Blecheimer zu sehen.
Set-Up der Camera Minutera, bereit zur Aufnahme.

Beim nächsten Eigenbau einer Kamera werden einige Probleme sicher anders gelöst und die selben Fehler hoffentlich nicht wiederholt. Insgesamt kann der Bau als voller Erfolg gesehen werden, gerade im Anbetracht dessen, dass es sich sowohl bei der Camera Minutera, als auch bei dem Stativ jeweils um Erstfertigungen handelt.

Handhabung:

Im Anschluss an die technische Umsetzung ging es darum, den blinden und einhändigen Arbeitsablauf im Inneren der Kamera zu üben, sowie das passende Papier samt Entwickler zu finden.
Es folgte nach den Wochen der Vorbereitung und der Konstruktion noch eine weitere Zeit des Experimentierens mit reichlich Try-and-Error. Fündig bin ich schließlich mit der Kombination von Foma Papier und Adox Entwickler geworden, womit meine Gebrauchs-Empfindlichkeit bei etwa ISO 6 und die gebräuchlichen Belichtungszeiten zwischen 1/10 und 1 Sekunde liegen - damit lässt sich arbeiten. Sobald auf dem Markt wieder weich graduiertes Schwarz-Weiß Fotopapier erhältlich ist, werde ich auf solches umsteigen, um den hohen Kontrast in den Bildern zu reduzieren, ebenso soll auf Veranstaltungen künftig Direkt-Positiv-Papier zur Anwendung kommen um den ganzen Ablauf für Interessierte Besucher beschleunigen zu können.

Das Gesamtsystem der Camera Minutera ist Einsatzbereit, nun kann es los gehen mit vielen tollen Portrait-Aufnahmen! =) 

Links ist jeweils das Negativ als erste Aufnahme zu sehen, rechts davon dann die zweite Aufnahme, das vom Negativ erstellte Positiv.

Für die entgegengebrachte Unterstützung bei der Umsetzung des Projektes Camera Minutera und dem Model-Sitzen möchte ich mich ausdrücklich bei meinem Bauleiter aus Weißenstadt, der schnellsten Nadel aus Zell, dem Team Holzwurm aus Großenau sowie meinen Freunden & Mitbewohnern bedanken - vielleicht wird ja noch ein Heimwerker aus mir!

 

Beste Grüße und immer gut Licht,

 

euer Christopher



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