Making of Solargraphy


Mit der Anschaffung meiner ersten digitalen Spiegelreflexkamera 2011 entdeckte ich dank des immens erweiterten Funktionsumfanges im Vergleich zu meinen ersten beiden Bridge-Kameras komplett neue Möglichkeiten. Schnell erkannte ich, dass Filter diese Möglichkeiten noch einmal erweitern können. Ich legte mir meinen ersten Graufilter zu, womit meine Faszination für Langzeitbelichtungen geweckt wurde.

 

Ich recherchierte, wie noch längere Belichtungszeiten als mit dem vorhandenen ND1000 Filter bewerkstelligt werden könnten und sah mich durch die Stromversorgung, Datenverarbeitung etc. schnell an den Grenzen meiner digitalen Technik angelangt.

Mit der Fotografie auf Film, mit welcher ich mich parallel zu digitalen Fotografie beschäftige, kommt man dank niedrigst-empfindlicher Filme bzgl. langer Belichtungszeiten auch weiter, allerdings ist hier der Schwarzschildeffekt zu erwähnen: während ein digitaler Sensor stets "gleich empfindlich ist", nimmt während einer Langzeitbelichtung auf Film dessen Empfindlichkeit ab, so dass hier ein Faktor zur richtigen Belichtung mit einzuberechnen ist.

 

Dazu, eine meiner Kameras einfach ein paar Tage/Wochen auf einem Stativ stehen lassen? In einer speziellen Box verstauen und diese vor meinem gewünschten Motiv positionieren? Gar nicht so einfach. Daher führte mich meine Recherche weiter, bis ich auf den Begriff der "Solargraphy" stieß.

 

Die surreale Anmutung der so gesehenen Aufnahmen mit ihren ganz besonderen Farben und Bildinhalten sowie ihrer technischen Simplizität hatte mich in Ihren Bann gezogen!

Solargrafie aufgenommen über einen Zeitraum von 6 Monaten. Im Vordergrund ist unklar eine Landschaft mit Bäumen, einem Teich und einem Kirchturm zu erkennen, der Himmel ist dominiert von bunden Bahnen des Sonnenverlaufs

Vorbereitung

Wenn man Solargraphy im Jahr 2014 in die Google-Suche eingegeben hat, spuckte es weniger als 13.000 Ergebnisse aus, mittlerweile sind es immerhin knapp doppelt so viele, in der digitalen Welt von heute allerdings auch wahrlich nicht viel. 

 

Zum Glück brauchte es für die ersten Experimente mit diesen extrem einfachen Camera Obscura, Lochkameras, nicht viel, ich hatte schon alles notwendige zu Hause. Lediglich Zeit bis zum ersten Ergebnis sollte man reichlich einplanen:

  • leere Filmdosen bzw. Konserven als Gehäuse
  • leere Getränkedose als Lieferant für dünnes Blech zum Anfertigen einer Lochblende
  • Kabelbinder
  • Klebeband (gutes!)
  • stabile, dünne Nadel
  • feines Sandpapier
  • lichtempfindliches PE Schwarz-Weiß-Fotopapier zzgl. Rotlicht und "Dunkelkammer" zum beladen der Kameras
  • Scanner

Als erster Schritt wird eine leere Getränkedose mit einer passenden Schere aufgeschnitten (Vorsicht, das Blech ist scharf!) und Quadrate von ca. 4 x 4 cm Größe erstellt. In diese Blechquadrate wird mittig mit der Spitze einer dünnen Nadel ein kleines Loch gestochen, dann die Rückseite des Blechs um dem Grad des Ausstichs der Nadel mit feinem Sandpapier geglättet, um so dem Licht einen ungehinderten Strahlengang bieten zu können.

 

Mittlerweile gibt es auch fertig gelaserte Lochblenden zu erstehen, diese sind qualitativ natürlich besser..

Zur Fertigung des Kameragehäuses werden leere Film- oder Konservendosen benötigt.

 

Zur späteren vertikalen Befestigung der Kamera wird wischen unterem und mittlerem Drittel die Dose mit einer Öffnung versehen, welche vom Durchmesser etwas kleiner als die Lochblende ist, diese dann mit Klebeband vor der Öffnung straff befestigt. Fertig ist die "Kamera"!

 

Um die Kamera zum Beladen vorzubereiten, wird die Lochblende von außen mit einem Streifen Klebeband lichtdicht verschlossen, damit die Belichtung nach einlegen des Lichtempfindlichen Papiers nicht schon beim ersten Kontakt mit Umgebungslicht beginnt.

 

Das Beladen der Kamera mit dem lichtempfindlichen Aufnahmemedium, dem Schwarz-Weiß Fotopapier erfolgt in einem komplett verdunkeltem Raum unter Rotlicht-Beleuchtung.


Zur einfacheren Handhabung empfiehlt es sich hier bereits im Voraus Schablonen aus starkem Papier vorzubereiten, welche der Größe des einzulegenden Papiers in die Kamera entsprechen. Dabei kann die Größe des eingelegten Papiers durchaus beinahe der gesamten Innenfläche der Kamera entsprechen, lediglich der schmale Bereich um die Öffnung mit der Lochblende darf selbstverständlich nicht verdeckt werden. Je größer das Negativ umso weiter ist der Aufzeichnungswinkel.

 

Das ausgeschnittene Fotopapier wird in die Dose, respektive Kamera, eingelegt und anschließend lichtdicht verschlossen.

Solargrafie aufnehmen

Nachdem nun einige Lochkameras vorbereitet wurden, geht es an die Suche nach passenden Motiven: empfehlenswert sind statische Objekte wie Bäume, Felsen, Wasserflächen oder markante Gebäude mit Fensterflächen, in denen sich die Sonne als Hauptbestandteil einer Solargrafieaufnahme spiegelt und so einen interessanten Aspekt zu eurer Aufnahme hinzufügt. 

 

Um möglichst den kompletten Verlauf der Sonne am Himmel abzubilden, muss die Kamera direkt nach Süden ausgerichtet sein, selbstverständlich kann sich jedoch je nach Motiv auch nach anderen Himmelsrichtungen orientiert werden. Der günstigste Zeitpunkt zum Starten einer Solargrafie bieten hier jeweils die Sommersonnen- bzw. die Wintersonnenwende.

Am Motiv selbst gilt es nun die Kamera möglichst stabil zu befestigen, damit diese die nächste Zeit möglichst ohne Bewegung die Solargrafie aufnehmen kann.

Hier empfiehlt sich Kabelbinder, wieder Klebeband oder auch Silikon zur Befestigung z.B. an die Rückseiten von Verkehrszeichen, Laternenmasten, Bäumen etc., es gilt nur darauf zu achten, die Kamera unauffällig zu positionieren und ggfs. durch eine neutrale Farbgebung vor neugierigen Mitmenschen zu schützen. Die Kamera kann sowohl Horizontal als auch Vertikal aufgehängt werden, hierbei ist nur darauf zu achten, dass der Deckel bzw. Verschluss der Dose unten liegt, um eindringenden Wasser eine Möglichkeit zu geben, wieder austreten zu können. Bei einer horizontalen Befestigung entsteht eine hochformatige Aufnahme, bei vertikaler Ausrichtung der Kamera, eine querformatige Aufnahme.

 

Sobald die Kamera ausgerichtet und befestigt ist, wird das Klebeband vor der Lochblende abgezogen, die Aufnahme läuft, eine Solargrafie entsteht - nun heißt es Geduld haben!


Kamera-Ernte

Auf einem Tisch sind Lochkameras für Solargrafie Aufnahmen zu sehen
Lochkameras verschiedenster Formate nach der Ernte

Wie lange ihr eurer Aufnahme Zeit lassen wollt, kommt ganz darauf an, wie viel Ihr vom Sonnenzyklus aufnehmen wollt. Lohnenswert sind hier zumindest einige Tage bis hin zu ganzen 6 Monaten. Nach dieser Zeit sind die Bahnen der Sonne am Himmel am deutlichsten zu erkennen. Lässt man die Kamera länger aufnehmen, werden die Lücken zwischen den Bahnen durch neue Bahnen überlagert.

 

Sobald die Kameras wieder eingesammelt werden, wird wieder ein Stückchen Klebeband über der Lochblende befestigt, um das einfallen weiteren Lichts zu verhindern, denn im inneren der Kamera befindet sich nun bereits ein fertiges Negativ!


 Durch die extrem lange Belichtungszeit und dem Einfluss der Witterung, Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen hat sich das Schwarz-Weiß-Papier durch die dort eingelagerten Entwicklungs-Beschleuniger selbst Entwickelt. Zusätzlich haben sich durch das Ausfallen und Oxidieren von enthaltenen Silbersalzen sowie die lange Exposition am Licht Farben gebildet, wobei sich hier  jedes Foto-Papier je nach Hersteller individuell verändert.

"Dunkelkammer-Arbeit"

Nun gilt es das Negativ zu sichern. Dazu geht es wieder in einen komplett verdunkelten Raum mit Rotlicht, ausgestattet mit Laptop und Scanner sowie der Schablone vom Beladen der Kamera.

 

Hier kann die Kamera zum ersten mal wieder geöffnet und einen Blick das entstandene Negativ geworfen werden.

 

Das Scannen ist nun der entscheide Arbeitsschritt: das Negativ ist durch die lange Belichtung und die äußeren Einflüsse extrem empfindlich, weshalb ihr nur einen Versuch habt eure Aufnahme mit der besten Qualität zu digitalisieren.

 

Dazu wird zuerst die Schablone auf den Scanner gelegt und diese im Vor-Scan mit etwas Sicherheitsabstand als zu scannender Bereich definiert, anschließend die Schablone gegen das Negativ ausgetauscht und direkt ohne weitere Vorschau gescannt!

 

Dies ist extrem wichtig, da durch das extrem helle Licht des Scanners das Negativ nachbelichtet wird und das Bild darauf im Anschluss nahezu verschwindet, die Solargrafie vergeht. Ein vorheriges fixieren des Negativs durch Foto-Chemie ist keine Option, dies verschlechtert immens die Qualität der Aufnahme.

 

Nach erfolgtem Scan erhält man ein digitales Negativ, welches in einem Foto-Bearbeitungsprogramm der Wahl weiterverarbeitet wird. Das Negativ wird in ein Positiv umgewandelt, die Tonwerte und die Sättigung angepasst, ggfs. noch etwas Staub entfernen, mehr braucht es in der Regel nicht - die fertige Solargrafie ist entstanden.

Zu sehen ist eine Solargrafie, im Vordergrund die Silhouetten von Gebäuden, links hinter den Zweigen einer großen Fichte sind die Bahnen der Sonne zu erkennen
Die Ausrichtung der Lochkamera nach Westen sowie eine Belichtungszeit von lediglich einigen Wochen haben nur wenige Sonnenbahnen am Himmel sichtbar werden lassen

Schlusswort

Wer es bis hierher geschafft hat alles zu lesen, vielen Dank für die Geduld! :D

 

Ich hoffe, ich konnte den Prozess der Solargrafie mit meinem Beitrag etwas näher bringen und vielleicht sogar die Neugierde wecken, selbst ein paar Lochkameras aufzuhängen und gespannt darauf zu warten was sich auf dem Papier nach Wochen und Monaten abgezeichnet hat.

 

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass es selbstverständlich ist, beim Aufhängen und Befestigen der Kameras auf die Umwelt zu achten und keinen Müll in Form von altem Klebeband etc. zurück zu lassen. Wie immer in der Fotografie möchte jeden Aufnahmeort so hinterlassen werden, wie er aufgefunden wurde.

 

Weitere Experimente können zum Beispiel mit mehreren Lochblenden in einer Dose, vielleicht sogar leicht versetzt, gemacht werden, so Bilden sich auf eurem Fotopapier mehrere Bilder überlappend ab, oder befestigt die Kamera an einem für euch täglich zu erreichenden Ort und öffnet immer nur zur gleichen Zeit für eine gewisse Zeit den Verschluss eurer Kamera, so ergibt sich wieder ein komplett neuer Bildeindruck.

 

Des weiteren, lasst euch von Fehlschlägen nicht entmutigen! Je nach Saison musste ich schon Verluste von über 50% meiner Kameras verzeichnen, nachdem diese entweder entfernt oder zerstört wurden, von Regenwetter vollgelaufen waren und sich das Fotopapier nahezu aufgelöst hatte, oder Vögel meinten die Dose wäre ein passender Platz für ihr Nest. Und selbst von den restlichen 50% waren bei weiten nicht alle Aufnahmen immer zur Zufriedenheit.

 

Doch gerade das macht für mich den Reiz der Solargrafie aus, das Einfache, die Unberechenbarkeit und die Spannung ob sich ein Negativ in der Kamera entwickelt hat und wie dieses nach dem invertieren als Bild wirkt.

 

Schaut gern einmal in meine Galerie Solargrafie und lasst mir bei weiteren Fragen gern eine Nachricht zukommen oder schreibt einen Kommentar, ich freu mich von euch zu hören!

 

Beste Grüße und immer gut Licht,

euer Christopher

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